Aber, es ist uns in der Fremde
		      eine Freundin geworden: die Abendsonne.
		      Eingesegnet von ihrem Marterlicht
		      sind wir geladen, zu ihr zu kommen mit unserer Trauer,
		      die neben uns geht:
		      Ein Psalm der Nacht.



		      (im Exil in Schweden 1942 - 44)
		      Nelly Sachs (1891 – 1970) 
 				    	 
 

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			 Wann wird Friede sein


	    So lange Menschen im Namen des Rechts getötet werden
	    So lange behäbige Geschworene und ehrbare Richter
	    Ihre enterbten Brüder hinter Eisengitter sperren –
			 Wird kein Friede sein.

	    So lange toter Besitz Macht verleiht ohne Pflicht
	    So lange Freund den Freund um Eigentum verrät
	    So lange der Heilige Eros als legitimes Bankgeschäft blüht –
			 Wird kein Friede sein.

	    So lang Vermassung als höchster Götze thront
	    Und stumpfes Gehorchen als höchste Tugend
	    So lang hungrige Lehrer in teuren Schulen im Nicht-Denken unterrichten –
			 Wird kein Friede sein.

	    So lang sich Mörder finden, die freundliche Tiere schlachten	
	    So lange es Menschen gibt, die ohne Ekel
	    Sich von Leichenteilen unserer stummen Freunde stillen –
			 Wird kein Friede sein.

	    So lang ein Mensch es wagt, einem Menschen zu befehlen
	    So lang ein Denkender gezwungen werden kann
	    Für die Überzeugung anderer in den Tod zu gehen –
			 Wird kein Friede sein.



		    (im Exil in den USA)
		    Karl Vollmüller (1878 – 1948)
		    (gekürzt von U.F.)
 

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		    Die Alten


		    Wir leben hier am Ort der Gehetzten,
		    Wo Schicksalsläufe, Wirken und Beginnen
		    Zu formenlosem Elendsgrau gerinnen.
		    Wir leben in der Welt der Ausgegrenzten.

		    Wir haben uns schon fast am Ziel gesehen,
		    Da rief man uns und kam uns aufzustören.
		    Wir mussten in ein Leben wiederkehren,
		    Das wir nicht wollten, das wir nicht verstehen.

		    In grauen Staub versickert unsere Klage,
		    Von Heim und Welt getrennt durch Steingemäuer.
		    Zu leicht befunden auf des Schicksals Waage,

		   Verbüßen wir in diesem Fegefeuer
		   Die kargen Reste unserer langen Tage
		   Und zahlen dem Jahrhundert unsere Steuer.



		   (in Theresienstadt 1943)
		   Bruno König (1900 – 1944) 


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		 O dass der stumme Zeuge redend werde


		 Dem Gott zu zeugen Amt und Stimme gab
		 Und ihn das Leid der Zeit zu nennen hieß,
		 Darf er erstarren in dem Qualverließ? -
		 Ist auch die Welt nur noch ein Massengrab,
		 I das ein ungeheurer Wirbelsturm
		 Myriaden Leichen reißt – noch steht ein Turm
		 Aus Glauben, Hoffnung, Liebe aufgebaut,
		 Und millionenfachen Herzschlags Laut
		 Formt sich zur Frage nach des Heils-Turms Ort.
		 Das Antwort sagte, das ersehnte Wort,
		 Liegt schon als Flüstern auf entrücktem Mund
		 Von Tausenden. Doch aller Höllen Grund
		 Ist Lärm geworden; ward ein Schrei, so wild
		 Und triumphierend, dass des Schöpfers Bild,
		 Im Vorhof seiner Himmel aufgestellt,
		 Vom Grauenshauch der todversehrten Welt
		 Getroffen, mählich zu verblassen droht.
		 Angst und Entsetzen, Zorn und Zweifels Not
		 Vermachten nicht, den starren Fragemund
		 Zu öffnen, dessen schriller Gegenschrei
		 Den Lärm bestritte aus der Hölle Schlund
		 Und spräche, spräche, dass genug es sei!
		 Des Tods genug, der unfassbaren Schmach,
		 Die uns vergessen ließ die Äcker, brach,
		 Auf denen unseres Menschseins Reichtum grünte . . .
		 Doch keiner spricht das Wort, das uns entsühnte,
		 Das ungesagte, fern geahnte Wort,
		 Fortrast der Sturm, fegt alles Leben fort,
		 Der Hoffnung Glanz und alles Glück der Erde . . .
		 O dass der stumme Zeuge redend werde.


		 (im Internierungslager in Frankreich 1943)
		 Leo Schmidl (1904 - )
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				Der Kamin
			Meiner Freundin Hannah Ungar

			Täglich hinter den Baracken
			Seh‘ ich Rauch und Feuer stehn,
			Jude, beuge deinen Nacken,
			Keiner hier kann dem entgehn.
			Siehst du in dem Rauche nicht
			Ein verzerrtes Angesicht?
			Ruft es nicht voll Spott und Hohn:
			Fünf Millionen berg‘ ich schon.
			Auschwitz liegt in seiner Hand –
			Alles, alles wird verbrannt.

			Täglich hinterm Stacheldraht			
			Steigt die Sonne purpurn auf.
			Doch ihr Licht wirkt öd und fal,
			Bricht die andere Flamme auf.
			Denn das warme Lebenslicht
			Gilt in Auschwitz längst schon nicht.
			Blick zur roten Flamme hin,
			Einzig wahr ist der Kamin.
			Auschwitz liegt in seiner Hand –
			Alles, alles wird verbrannt.



			(in Auschwitz 1944)
			Ruth Klüger (1931 - ) 


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			       Der Glockenturm
			(in Anlehnung an 'Der Kamin')


			Täglich hinter Leuchtreklamen
			Werden mahnende Stimmen
			Gegen Folter und Autokraten
			In dumpfem Wimmern erstickt.
			Sie werden zur Ordnung gerufen,
			Mit Machtwerkzeugen unterdrückt.
			Ärzte und Anwälte schweigen,
			Ein paar Tropfen zum guten Zweck,
			Millionen zur letzten Ruhe geschickt,
			Immer, immer klagen die Glocken an.



			(2014 englische Fassung
			2019 dutsche Übersetzung)
			Udo Frentzen 
 

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	       In Einsamkeit
	       Viele Kilometer von der nächsten Behausung
	       Im leichten Flackern eines Birkenholzfeuers
	       Saugt ein einfacher, scharfer Kopf Seine Zeilen auf,
	       Verfolgende Augen eines Spions zerstückeln das Bild
	       Zu berichten: 'Seine sanfte Stimme hat nie gesprochen.'

	       In Verlassenheit
	       Abgetrennt von den Abteilungen für Genesende
	       In einem gedämpften Bereich für die Sterbenden,
	       Eines Kranken Atem verlangsamt sich, gibt auf,
	       Toxische Drogen erstarren sein Gesicht in Agonie
	       Zu beweisen: 'Seinen Frieden hat es nie gegeben.'       



		   (1990 englische Fassung
		   2012 deutsche Übersetzung)
		   Udo Frentzen 

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