O dass der stumme Zeuge redend werde


		     Dem Gott zu zeugen Amt und Stimme gab
		     Und ihn das Leid der Zeit zu nennen hieß,
		     Darf er erstarren in dem Qualverließ? -
		     Ist auch die Welt nur noch ein Massengrab,
		     I das ein ungeheurer Wirbelsturm
		     Myriaden Leichen reißt – noch steht ein Turm
		     Aus Glauben, Hoffnung, Liebe aufgebaut,
		     Und millionenfacher Herzschlags Laut
		     Formt sich zur Frage nach des Heils-Turms Ort,
		     Das Antwort sagte, das ersehnte Wort,
		     Liegt schon als Flüstern auf entrücktem Mund
		     Von Tausenden. Doch aller Höllen Grund
		     Ist Lärm geworden; ward ein Schrei, so wild
		     Und triumphierend, dass des Schöpfers Bild,
		     Im Vorhof seiner Himmel aufgestellt,
		     Vom Grauenshauch der todversehrten Welt
		     Getroffen, mählich zu verblassen droht.
		     Angst und Entsetzen, Zorn und Zweifels Not
		     Vermochten nicht, den starren Fragemund
		     Zu öffnen, dessen schriller Gegenschrei
		     Den Lärm bestritte aus der Hölle Schlund
		     Und spräche, spräche, dass genug es sei!
		     Des Tods genug, der unfassbaren Schmach,
		     Die uns vergessen ließ die Äcker, brach,
		     Auf denen unseres Menschseins Reichtum grünte . . .
		     Doch keiner spricht das Wort, das uns entsühnte,
		     Das ungesagte, fern geahnte Wort,
		     Fortrast der Sturm, fegt alles Leben fort,
		     Der Hoffnung Glanz und alles Glück der Erde . . .
		     O dass der stumme Zeuge redend werde.


		     (im Internierungslager in Frankreich 1943)
		     Leo Schmidl (1904 - )
		     (translated by U. F. 2019)

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